Freude als Kompass ins Unbekannte

Wir wollen ein Segelschiff bauen. Und darauf leben. Warum, das wussten wir nicht. Wir konnten weder segeln noch kannten wir Segler.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Salon unseres selbstgebauten Segelschiffes. Regentropfen perlen an den Fenstern, das Sonnenlicht lässt sie in allen Farben glitzern. Mich beschäftigt die Frage, wie wir hier gelandet sind. Wie kamen wir von dieser verrückten Idee, ein Segelschiff zu bauen, hier hin? Ein Text, der zeigt, dass Freude selten der Sinnhaftigkeit des Verstandes folgt und warum es sich lohnt, ihr zu folgen.

Wenn man bemerkt, wohin einen die Freude zieht, begegnen mir immer wieder die „Wie-Fragen“. Sie beleuchten zwei unterschiedliche Aspekte.

Genau dieser Bootsplatz hat eine besondere Bedeutung, denn von hier aus sind wir vor rund einem halben Jahr zu einem Abenteuer abgelegt. Es war die dunkelste Zeit des Jahres, als wir gemerkt haben: Wir segeln jetzt nordwärts. Wie können wir innert nicht mal einem Monat den sechsstelligen Betrag für den Kauf einer kleinen Farm privat organisieren? So die Frage, die wir uns damals hier stellten. Ein Umstand, den wir für unmöglich hielten, als wir die Leinen vor Weihnachten gelöst haben und Richtung Polarkreis gesegelt sind. Dorthin, wo die kleine, inserierte Farm lag. Die Idee, ein öffentlicher Ort an Land für inneren Frieden zu erschaffen, war schon seit Jahren hier. Nun hat sie durch diese so passende kleine Farm ein konkretes Gesicht erhalten. Unser Ziel war klar, und damit hat sich auch das Wie beantwortet, und wir haben den Betrag tatsächlich zugesprochen bekommen. Der Verkäufer wollte dann leider nicht an uns verkaufen (mehr über diese Reise im „Geschenk des Scheiterns„).

Raum der Möglichkeiten öffnen

„Wie“ eröffnet für mich einen Raum der Möglichkeit, etwas zu tun. Wenn du hörst oder denkst etwas gehe nicht, dann ist die eigentliche Frage: „Wie“ geht das? „Wie“ kann ich das? Dieses Wie zeigt sich in kleinen alltäglichen Dingen, wie neulich, als unser Motor ein Problem hatte. David hat ein Teil getauscht. Ob ich das auch könne, klingt es aus dem Telefon. Auf mein „ja, ich bräuchte nur länger“ blickten mich grosse Augen durch den Bildschirm an. Es zeigt, wie oft wir uns klein halten, indem wir sagen, wir „können“ etwas nicht. Vielleicht sollten wir besser sagen, „ich habe keine Lust Zeit zu investieren“ anstelle uns im Glauben zu irren „ich kann nicht“.
Das gilt auch für die Frage, ob wir uns das leisten können. Hätten wir diese Frage vor 13 Jahren mit „Nein, wir können uns kein Schiff leisten“ beantwortet, wären wir heute nicht hier.

Indem wir uns die Wie-Frage stellen, sehen wir es gibt Wege. Die Frage ist „wollen“ wir sie gehen? 

Die innere Haltung auf dem Weg

Platsch, platsch, platsch – ich unterbreche das Schreiben, blicke aus dem Fenster und sehe nach kurzer Zeit einen Otter Richtung Land schwimmen. Schon das dritte Mal sehe ich ihn durchs Wasser schwimmen – friedlich, ungestört und verspielt, wie er nach den Fischen jagt. Einen Blick auf die Uhr ergibt, dass die Live Session mit Anke im Schreibkurs bald los geht. In Leichtigkeit Schreiben und Texte veröffentlichen, die nach uns klingen, da gehts hin. Für mich besonders im Fokus die innere Haltung – Freude beim Veröffentlichen. Wie kann ich es leben? Ich brühe einen Tee auf, fahre den PC für die Zoom-Session hoch und widme mich noch einmal meiner Frage, wie bin ich hier gelandet.

Neben diesem Raum für Möglichkeiten zeigt das Wie auch auf eine innere Haltung. In welchem Gefühl gehe ich den Weg? Wie ist das Gefühl am Horizont? Ist es das Gleiche wie jetzt? Kann ich das Gefühl auf dem Weg schon leben?

Freude hat eine immense Anziehungskraft

Ich weiss nicht, wohin dein Kompass zeigt. Vielleicht ist es auch eine bewusste innere Haltung wie die Freude? Vielleicht nennst du es Erfolg oder Leichtigkeit.
Wenn wir unserer Freude folgen, passieren Dinge, die einem wortlos staunen lassen. Es war nur ein paar Wochen, bevor der Rumpf in die Schweiz transportiert werden sollte. Wir hatten einen Platz, wo wir den Alurumpf hinstellen konnten. Doch so ganz glücklich damit waren weder der Eigentümer noch wir. Es war eine Lösung, aber in vielerlei Hinsicht eine unpraktische. Kurz vor dem Transport bekam die Aroha ihren Platz für den Innenausbau neben professionellen Holzbearbeitungsmaschinen und mit einem Lagerraum direkt auf Deckhöhe. Hätten wir das bewusst gesucht, hätten wir es wohl für unmöglich oder unbezahlbar eingestuft. Es war einfach plötzlich da. (Danke an Brunner Holzideen GmbH).
Für unser Landprojekt ist es ein Prozess, bis wir den physischen Grund dafür gefunden haben. Oder besser gesagt, wir suchen das Wie? Wie beginnen wir das Projekt ohne physischen Grund? Wie findet das Land zu uns?

Ganz viele Fragen, widersprüchliche Antworten und die Aufgabe, herauszufinden, wie unser Schiff werden soll.

Während des Schiffbaus gab es immer wieder Situationen, in denen wir höchst widersprüchliche Ratschläge bekommen haben. Wie konnte es sein, dass uns der Mastbauer zu einem nach oben laufenden Baum rät, während der Segelmacher uns zu einem unten laufenden rät? Waren nicht beide Experten im Schiffsbau? Oder wie konnte es sein, dass uns fast alle Segler dringend zu elektrischen Winschen rieten, während wir von Einhandseglern lasen, die ohne diese technischen Hilfsmittel um die Welt segelten.

Jeder Ratschlag kommt aus einem Fachgebiet oder einer individuellen Erfahrung heraus. Oft hört man jedoch nur das Ergebnis. Was der Hintergrund ist, darf man erfragen oder sich selbst einlesen, bis man es mit allen möglichen Auswirkungen versteht. So geht es gefühlt mit 1000 Entscheidungen, wenn man ein Boot baut und frei entscheidet, wie es sein soll.

Wen fragst du? Was ist dessen Fachgebiet oder Normalität?

Schwierig wird es, wenn einem vermeintliche Fachpersonen sagen, da gäbe es gar keinen Weg. Das war bei der Zollabwicklung ein schönes Aha-Erlebnis, als ich verstanden habe, dass sie mit „es geht nicht“ eigentlich meinten: „ich weiss es nicht.“ Viel Kopfzerbrechen hätte mir dieses Eingeständnis erspart, bis ich schliesslich bei der richtigen Person gelandet bin. Jedoch, wenn ich mich jetzt zurückerinnere, war es bereits in meiner beruflichen Laufbahn so, als ich von der Normalität abwich. Als Praktikantin in der Rechtsabteilung einer Bank hatte ich meine Vorgesetzte als eine Expertin für den beruflichen Weg betrachtet. Sie teilte mir mit, dass ich ohne Anwaltspatent wohl unter der Brücke landen oder mich im Kreis drehen würde. Sie sah keine Möglichkeit, für einen Quereinstieg in einer anderen Abteilung. Ein solcher Widerstand hat mich überrascht und gleichzeitig ist mir bewusst geworden: Es gab in dieser Abteilung nur Juristen mit Anwaltspatent, wie wollte sie einen anderen Weg kennen? Also fragte ich an anderen Orten ausserhalb dieser Abteilung weiter. Die ganze Welt kann nicht in einer Abteilung liegen.

Fragen erweitern deinen Horizont – vom Problem zum schönsten Schiff einer 40-jährigen Karriere

Aussagen zu hinterfragen bringt nicht nur dich, sondern auch dein Gegenüber weiter. David hat sich von Grund auf für das Schweissen beim Rumpfbauer interessiert und hinterfragt, ob etwas handwerklich wirklich nicht möglich war. Das führte nicht immer in einfache Gespräche. Doch letztlich ist ein Schiff entstanden, das vom Rumpfbauer als das schönste in der 40-jährigen Schiffsbau-Karriere betrachtet wurde, weil genau diese Lösungen, die zuerst als „Probleme“ betrachtet wurden, einen Weg zur Verwirklichung finden konnten. Auch meine beruflichen Fragen an ganz viele Abteilungen haben mich schliesslich zu einem passenden Ort geführt.

Wir brauchen das Wie nicht zu kennen, wenn wir beginnen.

Der Moment, in dem das Schiff am Ankerplatz schwoite, ich mit einer Tasse Tee im Cockpit das Pff, pff, pfff der Schweinswale hörte und ihre Rückenflosse entdeckte, ist kaum in Worte zu fassen. Wir hatten „es“ geschafft. Etwas, das so viele für verrückt und unmöglich gehalten hatten. Das Schiff war dazumal noch lange nicht fertig. So zierte zum Beispiel noch graue Schutzfolie an allen Luken und Fenstern, im Schiffsinnern lag ganz viel Baumaterial und für die Schoten gab es noch keine Löcher in der Fussreling. Alles in allem war da ein Schiff, das noch Wochen voller Arbeit bot, bis es hochseetauglich war. Wir hatten unsere Schiffswerft aufs Meer verschoben. Seit diesem Moment sind nun drei Jahre vergangen. Manche Seemeile und viele Stürme, ja sogar manche Orkane, haben wir zusammen erlebt. Vielleicht ist die Freude der Wegweiser zum Wie? Der Weg ist erst im Rückblick zu verstehen und die Freude ist jenes, was dich mit der nötigen Energie versorgt, um den Weg zu erhellen.

Die Freude beantwortet alle Fragen

So, und nun ist es Zeit, mich im Zoom einzuloggen. Ich hinterfrage, was wahrscheinlich viele als „normal“ bezeichnen würden: dass es nicht immer leicht ist, die passenden Worte auf Papier zu bringen. Doch ist das wirklich so? Ich bin gespannt.

Erzähl mir gerne von deinen Träumen und Visionen. Welche „Wie“-Frage stellst du dir heute? Schreibe gerne eine Mail an kontakt(at)dasneueland.com. Wir antworten direkt aus der Polarregion.

Was uns diese Geschichte zeigt: Wir müssen das Wie nicht von Anfang an kennen. Hinterfrage, woher deine Vorstellung kommt und wen du fragst. Deine innere Haltung der Freude nährt dich mit der nötigen Energie. Der Weg ist erst im Rückblick zu verstehen.
Danke, dass du bis hierhin mitgelesen hast.

Hi, ich bin Julia

Life-Coach, Traderin und Juristin
Unser selbstgebautes Segelschiff ist seit 2022 unser Zuhause. Wir leben autark von Landinfrastruktur und entdecken das Potential des Lebens, dass sich in unterschiedlicher Form zeigt. Zurzeit legen wir Kurs auf ein Landprojekt, das noch keinen Boden gefunden hat. Ich liebe es Entscheidungsräume im Leben und an der Börse zwischen Struktur und Intuition zu erforschen.

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