Warum es mit dem Landprojekt nicht beim ersten Versuch klappte, Parallelen zum Schiffsbauprojekt und was wir daraus geschenkt bekommen.
„Die Liegenschaft ist verkauft“. Unvorhergesehen liegt diese Mail in unserem Postfach und damit eine kaum in Worte zu fassende Enttäuschung. Doch wie sind wir überhaupt dort hin gekommen? Ein Text über die innere und äussere Reise zum Polarkreis mit dem inneren Kompass, der zum Projekt an Land zeigt.
Als ob David unsere Reise in die Dunkelheit hätte kommen sehen
„Wir müssen ja bei Dunkelheit nirgends hinsegeln“, denke ich mir, als David viel Zeit damit verbringt, den passenden Scheinwerfer für Aroha zu finden. Aber auch schön, wenn man es kann, und unser Motto war und ist für die Aroha, dass sie uns keine Grenzen setzt, sondern dass wir mit unseren körperlichen und mentalen Fähigkeiten die Grenzen sind.
Kaum ist das Paket mit dem Scheinwerfer unterwegs, entdecken wir besagtes Grundstücksinserat am Polarkreis. Und so sind wir dankbar für den Scheinwerfer, der uns hilft, auch in der Dunkelheit kein ausgebrachtes Fischerzubehör in den Propeller zu bekommen.
Über die enorme Anstrengung der Reise
Ein lautes und eindringliches Pfeifen durchschneidet das Wellenrauschen auf unseren letzten Meilen zum Polarkreis. Ein unbekanntes Geräusch, doch schnell lokalisieren wir es aus dem Funkgerät. „Neue Nachricht: Orkanwarnung“. Die auf Kanal 16 gesprochenen Sturmwarnungen kennen wir gut, doch dass auf den bevorstehenden Orkan sogar mit Pfeifton und Textnachricht aufmerksam gemacht wird, zeigt das hohe Risiko. Die Anspannung steigt. Bei jeder Böe ist die Hoffnung, dass es nur eine kurze Böe ist, der Orkan noch ein paar Stunden – wie angesagt – auf sich warten lässt. Wird der Ankergrund halten? Eine für uns unbekannte Bucht. Und auch immer wieder der Blick in verschiedene Karten und Apps – gibt es eine bessere Alternative?
Wir setzen beide Anker bei strömendem Regen und verbinden die Kette über zwei Leinen mit Ruckdämpfern mit dem Bug. Die kommenden vier Tage sind geprägt von anhaltender Anspannung und nur wenigen Atempausen, in denen der Wind ein wenig nachlässt. Die Windvorhersagen werden laufend nach oben korrigiert, das Ende verschiebt sich immer weiter nach hinten.
Wie das Unverständliche begonnen hat
Zwei Wochen nach unserer Ankunft findet das Treffen mit den Verkäufern statt. Der Orkan hat hier seine Spuren hinterlassen, so mancher Baum ist umgefallen. Die Besichtigung ist herzlich und alle sind bemüht sich trotz Sprachschwierigkeiten zu verständigen. In den Worten der Frau, gehörte die Liegenschaft schon fast uns. „Das sind eure Rasenmäher, einer für David und einer für dich.“ Vier Tage später ist eine Mail in unserem Postfach. „Die Liegenschaft wurde verkauft. Es tut uns leid, dies Ihnen mitzuteilen.“ Das geht komplett an unserem abgemachten Prozess vorbei. Zwei simple Sätze, die alles verändern. Scheinbar alles in den Boden getreten, woran wir in den letzten Wochen gearbeitet haben und keine Ahnung haben, wie das passiert ist. Eine Wut ohne zu wissen gegen wen oder was. Unsere Mails bleiben unbeantwortet.
Wie mit ungewissen und niederschmetternden Situationen umgehen
Was ist geschehen? Warum haben sie sich nicht an die Abmachungen gehalten? Was haben wir falsch gemacht? Was ist das für ein Umgang? Fragen über Fragen, auf die wir keine Antworten finden. Nur Interpretationen über das, was geschehen sein könnte und das Geschehene Revue passieren lassen. Das Ganze scheint uns so surreal, dass wir uns unsicher sind, ob es nicht nur Verkaufsstrategie ist. Wir konnten und wollten es nicht glauben. Was macht es für einen Sinn, sich am Treffen so zu verhalten, als wäre die Liegenschaft schon an uns verkauft und dann per Mail sich abweisend zu verhalten. So nah waren wir daran, hatten so viel Energie in die Realisation dieser Farm gesteckt, Webseite gestaltet, Businesspläne erstellt und die Finanzierung auf die Beine gestellt. Und jetzt war sie weg, ohne dass wir verstanden haben, weshalb man uns übergangen hat. Endlose Gespräche zu zweit und unter einheimischen Freunden. Aber es bleibt ein Rätsel, was geschehen war. Niemand kann sich irgendeinen Reim daraus machen, was dieses Verhalten sollte. Langsam wurde es gewiss, diese Farm war tatsächlich verkauft worden.
Und damit auch die Gewissheit, dass es Fragen gibt, auf die wir keine Antworten haben. Es ist nicht unsere Aufgabe zu verstehen, was deren Beweggründe gewesen sind, sich so zu verhalten. Unsere Aufgabe ist zu akzeptieren, was das für Gefühle in uns auslöst.
Wie das Leben eigene Wege geht
In der Zwischenzeit haben sich von selbst lokale Freundschaften entwickelt. Besonders eine Freundschaft, die uns stark hilft unser Projekt an Land weiterzubringen. Anfang Januar haben wir die Gemeinde kontaktiert, um mehr über die baulichen Möglichkeiten auf der Farm zu erfahren. Diese Anfrage wurde von einem Mitarbeiter des Bauamtes, Tryggve, beantwortet. „Es ist toll, dass sie sich überlegen hier hinzuziehen“. Bei ihm im Büro erfahren wir in mehreren Sitzungen auch mit anderen Ämtern viel über die Gesetze und die Interessen der Gemeinde.
Möglichkeiten, die vorher auf unserer Landkarte nicht existierten.
Wir treffen die Eigentümer eines anderen geeigneten, noch unbebauten Grundstückes. Es ist nicht zum Verkauf ausgeschrieben, wir haben es einfach auf der Karte entdeckt und die Eigentümer über unseren Freund kontaktiert. Eine tolle Begegnung und wir sind berührt von der offenen und erschaffenden Energie, die uns der Eigentümer entgegenbringt. Auch der Ort selbst ist vielseitig und paradiesisch mit seiner Sandküste, Bächlein, Birkenwäldchen und weiter Aussicht aufs Meer sowie in die Berge. Dass Landbesitzer so offen für innovative Projekte und Landverkauf sind, hätten wir vorher nicht für möglich gehalten.
Doch wie wir nach und nach feststellen, ist es ein längerer administrativer Weg mit diesem Ort und parallel öffnet sich ein politischer Nebenschauplatz in der Gemeinde. Zudem kommt der Frühling und weckt in uns die Sehnsucht nach Segeln, Bewegung und Weite. Wie es der Zufall wollte, ist die örtliche Werft voll ausgebucht und wir entscheiden uns nach Südnorwegen in eine Werft zu segeln.
Kleiner, aber wichtiger Exkurs
Was wir übrigens auch für unmöglich, ja geradezu für verrückt gehalten haben, ist die Finanzierung mit privaten Darlehen in diesen wenigen Wochen auf die Beine zu stellen. Dass dies möglich war, hat uns unglaublich berührt und uns verdeutlicht, wie wichtig dieses Projekt ist. Danke an alle, die mit ihrem finanziellen Beitrag den Kauf ermöglicht hätten. Es wäre für uns möglich gewesen, mit anderen Bietern gut mitzubieten. Das hätten wir uns wirklich kaum vorstellen können. Danke!
Umwege gehören zum Weg dazu
Während ich diese Zeilen schreibe, sind wir wieder in unserem Ausgangshafen, von dem wir kurz vor Weihnachten aufgebrochen sind. Die ganze Etappe vom Polarkreis hier hin war das Landprojekt kaum mehr präsent. Wir wollten segeln, joggen, neue Orte entdecken und dem Kreis der Stille und dem Erfahrungsraum (zwei unserer ortsunabhängigen Projekte) nachgehen. Das Gefühl eines entspannten Lebens ohne permanente Stürme. Ohne permanente Anspannung darüber, ob unserem Zuhause etwas passiert. Es ist Zeit in einer Gegend zu sein, in der das Wetter ruhiger ist.
Kaum festgemacht beginnt etwas Magisches. Unsere Gedanken und Kreativität drehen sich wieder um ein Projekt an Land. Wie gross? Für wie viele Personen, mit welchen Bereichen? Die geodätischen Konstruktionen auf dem Basketball-Spielfeld hier tun bestimmt auch ihren Beitrag, dass wir uns plötzlich wieder mit unterschiedlichen Bauweisen des Domes auseinandersetzen.
Was für Parallelen zum Schiffsprojekt
Der Anfang des Schiffsprojektes war der Kauf der Konstruktionspläne und ein paar Monate später haben wir in einer Einhandwerft den Auftragsvertrag unterzeichnet für unser Kasko. Baubeginn sollte rund sechs Monate später sein. Doch es verstrichen zwei Jahre, bis die ersten Spanten von Aroha gefertigt wurden. Eine solche Zeitverzögerung hatten wir uns nicht vorgestellt. Für uns war es ärgerlich, da wir den Investoren, Freunden und Interessierten keine Neuigkeiten berichten konnten.
Doch die Verzögerung schenkte uns etwas ungemein Wertvolles. Zeit zum Planen. Unsere ersten Entwürfe der Aroha waren mit einem aufs Minimum reduzierten Innenausbau – einfach und günstig. Doch in der Zeit des Wartens entwickelten wir uns und unsere Vorstellungen und finanziellen Möglichkeiten wandelten sich. Schön und ästhetisch rund sollte es werden – noch nicht materiell im Innenausbau umgesetzt, erst in der Planung am Modell und unseren Vorstellungen. Rückblickend sehen wir, dass die ersten Ideen der Aroha zu klein gedacht waren. Nicht zu klein in der Grösse sondern in Qualität und Ausführungsstandard. Das Projekt Schiffsbau hat uns geformt und wir das Projekt. Eine interessante Wechselwirkung.
Projektverzögerungen als Chancen nutzen
So wird es auch bei diesem Projekt an Land sein. Wenn wir an das denken, was wir uns im Januar mit dieser Farm ausmalten und was sich in den letzten Wochen entwickelt hat, so ist ein grosser Unterschied zu spüren.
In den letzten drei Jahren haben wir verschiedene Ausbildungen im Bereich Coaching, Psychologie, Natur erleben und Finanzmärkten gemacht. Sie und die in uns lebende Freude an den vielseitigen Facetten des Lebens sind das Fundament des Projekts. Wie verbinden wir das? Welche Art von Projekt an Land bringt das, was wir können und das, was Menschen einen Mehrwert schenkt, am besten zum Ausdruck?
Was sind deine Ideen und Fragen? Schreibe uns gerne, wir freuen uns von dir zu lesen.
Was uns diese Geschichte zeigt: Wir müssen und können nicht alles verstehen, was im Aussen passiert. Wir dürfen uns auf das fokussieren, was in uns geschieht.
Danke, dass du bis hierhin mitgelesen hast.
